Das Modernisierungsprogramm nimmt Gestalt an

Vor allem für Feederschiffe ist die NOK-Passage vielfach mit großen Weg-, Zeit- und Kostenvorteilen verbunden

Immer wieder hat der Nord-Ostsee-Kanal in den vergangenen Jahren durch Schleusenausfälle und Verspätungen von sich reden gemacht. Doch zuletzt gab es vor allem gute Nachrichten für die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt: Ihre dringend notwendige Modernisierung ist auf den Weg gebracht.   

 Fast 100 Mio. Tonnen Ladung werden im Jahr durch den Nord-Ostsee-Kanal befördert – er ist damit ein unverzichtbarer Bestandteil des transeuropäischen Verkehrswegenetzes und ein begehrter „Shortcut“ zwischen dem Baltikum und Westeuropa. Doch nicht immer war der Kanal in den vergangenen Jahren den verkehrlichen Anforderungen gewachsen: Vor allem die betagten Schleusenanlage – die sogenannten „Großen Schleusen“ als Hauptträger der Verkehrslast stammen aus dem Jahr 1914 – zeigten zuletzt starke Verschleißerscheinungen und wurden überdies auf der Brunsbüttler Seite wiederholt durch Schiffshavarien schwer beschädigt. Durch notwendige Instandsetzungs- und Reparaturarbeiten stand in den letzten Jahren gerade in Brunsbüttel oftmals nur eine Schleusenkammer zur Verfügung – zu wenig, um das Verkehrsaufkommen verspätungsfrei zu bewältigen.

Die Ende 2012 gegründete Initiative Kiel-Canal e.V. (IKC) – ein Zusammenschluss von Kanaldienstleistern, großen Kanalkunden und einigen Gebietskörperschaften – trat daher mit dem Anspruch an, die bestehenden Schwachstellen offenzulegen und gemeinsam mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung tragfähige Lösungen für einen zukunftsfähigen NOK aufzuzeigen. Zwei Jahre nach ihrer Gründung, im Dezember 2014, legte sie den ersten öffentlichen Masterplan für die umfassende Modernisierung des Kanals vor. Sorgfältig strukturiert wurde hier dargestellt, wie der dringend notwendige Bau einer neuen, fünften Schleusenkammer in Brunsbüttel, die Sanierung der bestehenden Schleusenanlagen in Kiel und Brunsbüttel, die Anpassung der sogenannten „Oststrecke“ vor Kiel sowie die notwendige Vertiefung des Kanals in eine sinnvolle zeitliche Reihenfolge gebracht und aufeinander abgestimmt werden können. Bereits im September 2014 hatte die IKC mit einem Parlamentarischen Abend in Berlin für die notwendigen Finanzmittel zur Modernisierung des Kanals geworben. Seither hat sich vieles getan: Der Bau der fünften Schleusenkammer in Brunsbüttel ist auf den Weg gebracht, die Anpassung der Oststrecke vor Kiel finanziell gesichert, die Sanierung der bestehenden Kammern an beiden Kanalenden seitens des Bundes in die Haushaltsplanung aufgenommen worden. Auch für die erforderliche Schaffung neuer Planstellen für Ingenieure und Planer in der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung wurde Geld bereitgestellt. Sogar die Idee der IKC, auf der Brunsbüttler Seite wieder ein Dock zur vorbeugenden Wartung und zeitnahen Reparatur der Schleusentore zu errichten, griff der Bund auf: In einigen Jahren wird die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung über ein solches Dock verfügen und damit notwendige Arbeiten an den Schleusentoren selbständig durchführen können.

Ist der Nord-Ostsee-Kanal also auf dem richtigen Weg? Im Prinzip ja, so das Fazit der Initiative Kiel-Kanal. Um aber den Maßnahmenfortschritt wirklich Stück für Stück nachvollziehen zu können, hat die IKC ihren 2014 vorgestellten Masterplan im vergangenen April einer detaillierten Überprüfung und Aktualisierung unterzogen. „Insgesamt hat diese Aktualisierung zu einem relativ erfreulichen Zwischenergebnis geführt“, resümiert Jens B. Knudsen, Vorsitzender der IKC. Der Neubau der fünften Schleusenkammer in Brunsbüttel sei nach anfänglichen Bauablaufstörungen mittlerweile in vollem Gang und eine termingerechte Fertigstellung dieses Schlüsselprojekts in Sicht. Ernüchterndere Nachrichten gab es hingegen mit Blick auf den östlichen Teil des Kanals, auf die kurvenreichen „Oststrecke“ vor Kiel: Sie wird nach jetzigem Stand erst 2026 – und damit zwei Jahre später als ursprünglich geplant – ertüchtigt und an den Querschnitt des restlichen Kanals angepasst sein. Bis dahin bleibt dieser Abschnitt ein Flaschenhals, der insbesondere die Durchfahrt großer Schiffe oftmals verzögert. „Nach unserer Einschätzung ist der zu geringe Personalbestand der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung in Verbindung mit der Konkurrenz zwischen verschiedenen Infrastrukturprojekten auf Bundesebene ursächlich für diese Verzögerung“, mutmaßt Jens B. Knudsen – und spielt damit auf ein Schlüsselproblem der Kanalmodernisierung an: Die zuständige Verwaltung hat trotz Schaffung zusätzlicher Planstellen noch immer zu wenige Ingenieure und Planer. Im Moment, so erläutert der IKC-Vorsitzende, vergebe die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung viele Planungsaufträge an externe Ingenieurbüros: „Dabei kostet nicht nur das Vergabeverfahren selbst Zeit, sondern auch die Abstimmung zwischen der Verwaltung und externen Ingenieurbüros. Eine Steuerung aus einer Hand durch die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung wäre nach Einschätzung der IKC effizienter und zeitsparender“. Dies gilt nach Jens B. Knudsens Meinung nach umso mehr, als sich auch beim dritten großen Teilprojekt der NOK-Modernisierung – der Grundinstandsetzung der Schleusenanlage Kiel-Holtenau – Änderungen ergeben haben. „Bei den sogenannten ‚Kleinen Schleusen‘ ist hier nun statt einer Grundinstandsetzung ein Ersatzneubau vorgesehen“. Grundsätzlich begrüßt er diese Lösung: Neue, nach heutigen Anforderungen geplante Schleusenkammern seien besser als Flickschusterei. „Allerdings hat sich die Verwaltung auch beim Ersatzneubau für ein Planfeststellungsverfahren entschieden, welchem im Anschluss grundsätzlich noch eine aufwendige Ausschreibung  folgt“, gibt Knudsen zu bedenken. Das Planfeststellungsverfahren werde voraussichtlich 2017 beginnen, die Ausschreibung sei für Anfang 2019 geplant. Insgesamt sei mit einem Zeitbedarf von fünf Jahren für dieses Projekt zu rechnen. „Nach Fertigstellung der neuen ‚Kleinen Schleusen‘ soll dann die Instandsetzung der beiden großen Kammern in Kiel folgen, und zwar mit einem ähnlichen Zeitbedarf wie in Brunsbüttel“, so Knudsen. Das vierte und letzte Teilprojekt der NOK-Modernisierung – die Vertiefung des gesamten Kanals um einen Meter – wird sich voraussichtlich bis in die 2030er Jahre hinziehen. Immerhin: Der neue Bundesverkehrswegeplan 2030 listet diese Maßnahme als neues Vorhaben im vordringlichen Bedarf auf. Damit rückt auch die Umsetzung dieses wichtigen Elements der NOK-Modernisierung näher – sofern die für Planung und Umsetzung verantwortliche Wasser- und Schifffahrtsverwaltung über genügend Fachkräfte verfügt. „Der jahrzehntelange Personalabbau rächt sich jetzt“, so Jens B. Knudsen, „die Verwaltung braucht zeitnah noch mehr zusätzliche Planer und Ingenieure als gegenwärtig eingeplant“.

Für die IKC ist klar: Ein Anfang ist gemacht, bis zur Fertigstellung des „runderneuerten“ und an die Anforderungen der Zukunft angepassten Nord-Ostsee-Kanals werden aber noch viele Jahre vergehen. „Wir bleiben dran“, verspricht Jens B. Knudsen – und ergänzt, die IKC wolle neben der Lobbyarbeit für die Kanalmodernisierung insbesondere bei der Information der Kanalnutzer aktiv mitwirken. „Ein Beispiel dafür sind unsere sehr erfolgreichen Informationsabende für Segler und Sportbootfahrer, die wir im Herbst 2015 in Kiel sowie im Frühjahr 2016 in Hamburg durchgeführt haben“, so der IKC-Vorsitzende, „dieses Informationsangebot werden wir in den kommenden Jahren weiter fortführen und ausbauen“.