Nord-Ostsee-Kanal in der Krise: Zahl der Schiffspassagen bricht ein

28.01.2026

Schleusensperrungen, Tempolimit und Ukraine-Krieg zeigen Wirkung – Wirtschaft fordert weiteren Ausbau

Rückschlag für den Nord-Ostsee-Kanal: Die Zahl der Schiffspassagen ist im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozent eingebrochen. Bis zum 31. Dezember wurden in den Schleusen nur noch 22.300 Schiffe gezählt – ein Negativ-Rekord. Zum Vergleich: 2021 waren es noch rund 27.300 Schiffe.

Bei der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS) läuft derzeit noch die Auswertung der Zahlen. Die Mengen an beförderter Ladung sowie die Schiffsgrößenauswertung liegen noch nicht vor. Sie sollen laut Behörde demnächst präsentiert werden. Was aber bekannt ist, sind die reinen Schiffszahlen.

Nach KN-Informationen haben vom 1. Januar bis 31. Dezember 2025 rund 2500 Schiffe weniger den Kanal passiert als 2024. Ursache sind neben den wirtschaftlichen Einflüssen im Ostseeraum vor allen die langen Sperrzeiten bei den Schleusen in Brunsbüttel. Von Anfang Mai bis Ende Juli war in Brunsbüttel nur eine große Schleusenkammer für die größeren Schiffe in Betrieb.

„Das war ein schweres Jahr für den Nord-Ostsee-Kanal“, sagt Jens-Broder Knudsen, Vorsitzender der Initiative Kiel Canal, einem Interessenverband. Zu den Hauptproblemen gehöre inzwischen auch die Kostenspirale bei den Abgaben. „Durch die auf zwölf km/h reduzierte Geschwindigkeit verlängert sich die Kanalpassage und wird damit auch teurer”, sagt Knudsen. Das Tempolimit war im Juli 2023 für alle Schiffe verhängt worden, da es an einigen Böschungen unter der Wasserlinie Schäden gab.

Wenn alle Schleusen in Betrieb sind, geht es noch. „Wenn dann aber auch noch lange Wartezeiten wegen fehlender Verfügbarkeit von Schleusen und Schleppern dazukommen, kann man den Reedern die Vorteile des Nord-Ostsee-Kanals nur schwer vermitteln“, sagt Knudsen, der auch Geschäftsführer der Schiffsmaklerei Sartori & Berger ist.

Mit Blick auf die nächste Sperrphase für die Erneuerung von Schienen in der großen Südschleuse in Brunsbüttel will sich Knudsen für eine Verlegung der Arbeiten ins nächste Jahr einsetzen. „2027 ist dann die fünfte Schleusenkammer in Betrieb. Da lässt sich so eine Reparatur leichter verkraften.”

Zusätzlich belastet wird der Ostseeverkehr durch den Krieg in der Ukraine. Vor den 2022 verhängten Sanktionen waren laut Statistik pro Jahr noch mehr als 2700 Schiffe mit Bezug zu Russland im Kanal. Sie fallen jetzt als Kanal-Kunden weitgehend aus.

Positiv entwickelt sich hingegen die Zahl der Transporte von Schwergütern für den Bau von Windparks und Industrieanlagen. Inzwischen kommen viele Bauteile aus Indien, Vietnam oder China. Wegen der schnellen und sicheren Abkürzung wählen diese Frachter statt des Skagerraks den Kanal.

Negativ wirkt sich hingegen der seit August um fast 70 Dollar pro Tonne gesunkene Preis für schwefelarmen Schiffstreibstoff aus. In Rotterdam kostet die Tonne inzwischen nur noch 428 US-Dollar. „Die niedrigen Bunkerkosten erschweren die Lage natürlich für uns am Kanal”, sagt Knudsen.

Um die Wettbewerbsfähigkeit des Kanals zu verbessern, ist aus Sicht der Wirtschaft auch eine Fortsetzung des Ausbaus der Oststrecke wichtig. Im November war der erste von drei Bauabschnitten bei Schinkel freigegeben worden. „Hier muss nun auch zügig weitergebaut werden“, sagt Knudsen. Aktuell ist für 2026 der Ausbau nicht mehr unter den Großprojekten zu finden.

Quellenangabe: Holsteiner Zeitung vom 26.01.2026, Seite 1

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